Bauten

Traditionellerweise gehört in jedes thailändische Dorf mindestens ein buddhistisches Kloster (Wat). Es ist der Mittelpunkt des sozialen und religiösen Lebens. In der Tempelhalle (Vihara, Wihahn) finden Zusammenkünfte statt, und die Mönche erhalten dort Spenden und predigen den Besuchern. Falls die Dorfbewohner Mönche zu einem geregelten Aufenthalt einladen, werden Mönchsunterkünfte (Kutie) errichtet. Später wird der Boht, das wichtigste Gebäude des Klosters, erbaut. Er enthält hochverehrte Buddha-Statuen und dient den Mönchsweihen. Dort werden alle 14 Tage die 227 Mönchsregeln rezitiert. In reicheren und grösseren Klöstern kommen andere Gebäude hinzu: ein Stupa (auch Chedi genannt), eine Bibliothek (Ho Trai, zur Aufbewahrung der heiligen Schriften), ein Glockenturm (Ho Rakhang), eine offene Halle für eine grosse Trommel oder einen Gong, und andere Bauten. Oft findet sich in der Nähe von Boht und Wihahn ein Teich, bevölkert von Fischen oder Schildkröten. Bäume spenden Schatten und verströmen einen angenehmen Duft (Frangipani, Champak-Magnolie). Baum und Wasser erinnern an das Ereignis der vollkommenen Erweckung Buddhas im Schatten eines Bodhi-Baumes (Ficus religiosa; Thai: phoh; deutsch: Pappelfeige) und mit Blick auf einen Fluss. Das freie Klostergelände bietet nicht nur Platz für religiöse Anlässe, sondern wird gelegentlich für weltliche Feste benutzt; an Marktständen werden Esswaren, Getränke, Devotionalien, Blumen und Räucherstäbchen feilgeboten. Eine Mauer, durch Tore unterbrochen, umgibt das Areal. Gelegentlich finden sich auch Wassergräben um den Both oder Teile der Anlage. Auf dem Gelände mancher Tempel steht ein Krematorium für die Einäscherung der Verstorbenen. In dessen Nähe sind häufig Ruhestätten für die Urnen der Verstorbenen zu sehen.

In der Regel umfasst ein voll ausgebautes Kloster zwei Bereiche:
– Sangavasa oder Lebens- und Studienbereich der Mönche mit Unterkünften, Dusch- und Toilettenräumen, Küche, Bibliothek, Studienräume;
– Buddhavasa oder zeremonieller Bereich (Boht, Wihahn, Chedi).

Der Boht (von Ubohsot; laotisch: Sim) ist die Versammlungshalle der Mönche für die Ordination (Laien zugelassen) und die Rezitation der Mönchsregeln (pạ̄ṭimokkha, in der Regel ohne Laien). Ein Tempelkomplex enthält immer nur einen einzigen Boht. Darin steht als Blickfang gegenüber dem Haupteingang die wichtigste Buddha-Statue des Tempels, die nach Osten blickt. Die Ausrichtung des Boht nach Osten wird damit gedeutet, dass Buddha in diese Himmelsrichtung gewandt gewesen sein soll, als er in den Zustand der vollkommenen Erweckung gelangte. Die Innenwände und Decken sind oft in dunklen, rötlichen Farben dekorativ bemalt oder enthalten Darstellungen mit religiösem Gehalt. Im Boht sind häufig besonders wertvolle Fächer aufgestellt, die der König hochstehenden Mönchen als Zeichen ihres Ranges innerhalb des Mönchsordens überreichte. Über dem Boht erheben sich meistens Stufen- oder Satteldächer. An den oft leicht nach oben gebogenen Dachenden befinden sich schnabelartige Gebilde, die Choofah („Himmelsquaste“) genannt werden. Ihre Herkunft und Bedeutung ist unbekannt, und es hat sie schon in der Tempel-Architektur der Khmer gegeben. Sie stellen Garuda oder einen mythologischen Schwan, manchmal auch völlig andere Tiere wie die Naga-Schlange dar. Die Dächer sind so konstruiert, dass sie das Wasser während der Regenzeit schnell wegleiten. Im Norden reichen sie oft bis gegen den Boden hin, um so das Innere des Gebäudes gegen Wind und Wetter zu schützen. In Zentralthailand ist der Boht fast immer auf einer bis zu zwei Meter hohen Empore oder Terrasse errichtet, so dass er vor Überschwemmungen gesichert ist. Das Gebäude hat Fenster, die aber unterschiedlich gestaltet sind. In der frühen Ayuthaya-Periode sind sie in Anlehnung an die Khmer-Architektur sehr schmal und lassen wenig Licht durch. Erst in der Bangkok-Periode sind sie voll ausgebildet. Die Anzahl der Fenster auf einer Seite ist ungerade. Fenster, Fensterläden und Türen sind oft reich dekoriert. Typisch für die Ordinationshallen im Nordosten, die dort Sim genannt werden, sind die Malereien an den Aussenwänden mit Themen aus dem Leben Buddhas und seiner früheren Existenzen, aber auch aus dem Liebesleben von Männern und Frauen; so werden die Tempelbesucher, die im Sim keinen Platz finden, mit Bildergeschichten unterhalten. Meistens ist der Boht kleiner als der Wihahn, da nur wenige Laien an den Zeremonien und Zusammenkünften der Mönche teilnehmen. Manchmal ist Frauen der Zutritt sogar verwehrt (Nordthailand). Auf jeden Fall ziehen alle Besucher eines Boht vor dem Betreten des Gebäudes die Schuhe aus.

Im Unterschied zum Wihahn ist das Boht-Grundstück seit der Sukhothai- und Ayuthaya-Zeit immer von acht Bai-Siemah- oder Grenzsteinen umgeben, die den rituellen vom weltlichen Bezirk abgrenzen. Sie sind an den vier Ecken und auf den zwei Hauptachsen des Gebäudes platziert. Ein neunter Siemah-Stein liegt im Untergrund des Gebäudes versteckt. In Nordthailand sind diese Grenzsteine traditionellerweise auch ganz in den Boden eingelassen. Die Tradition der Sema- oder Siehmah-Steine geht vermutlich auf die Kultur des Moon-Volkes (Dvaravati-Periode, sechstes bis elftes Jahrhundert) zurück und diente in den Anfängen der Markierung des rituellen Raumes. Die Steine enthalten, vor allem in dieser frühen Phase, meistens kunstvolle, in den Stein gehauene Darstellungen mit Themen aus den Jatakas (Vorgeburtsgeschichten) und sind teilweise mit buddhistischen Weisheiten beschriftet.

Innerhalb des Tempelgeländes geniesst der Chedi (Chehdie; Pali: Chetiya; generell auch Stupa genannt; laotisch: Thaht) die höchste religiöse Verehrung, da er Reliquien (von Buddha, Heiligen, Königen oder hochgestellten Persönlichkeiten) enthält. Das Bauelement stammt ursprünglich aus Indien und Sri Lanka. Kurz nach dem Tode Buddhas wurden Grabhügel über Aschenresten des kremierten Buddha errichtet, was damals in Nordindien nicht unüblich war. Der Stupa wurde später, besonders in Sri Lanka, zu einem gemauerten Kuppelbau, der in Thailand verschiedene Entwicklungsschritte und Formen durchlaufen hat. Die wesentlichen Elemente sind jedoch in der Regel ein Fundament, drei bauchartige Ringe oder Schläuche („Pirelli“, Symbole für die drei Welten nach buddhistischer Kosmologie), eine gewölbte Haube (mit den Reliquien), ein kubischer symbolischer Sitz für Buddha (harmika) und eine Spitze mit immer kleiner werdenden Schirmen oder Ringen (bis zu 33, entsprechend den 33 buddhistischen Himmeln). Birmanisch beeinflusste Chedi sind an der Spitze mit einem charakteristischen Schirm (hti) geschmückt. Oft steht der Chedi auf einem quadratischen Podest, das an den Ecken vertikal abgestuft ist. Buddhistische Verehrer umwickeln die bedeutenden Chedi von Zeit zu Zeit mit orange-roten Stoffbahnen. Heutzutage wird die Asche von Verstorbenen häufig in kleinen Chedi beigesetzt. Ein Chedi hat in der Regel keine Innenräume, höchstens Nischen, und kann deshalb nicht betreten werden. Die Gläubigen umkreisen hochverehrte Chedi dreimal im Uhrzeigersinn; dabei tragen sie in der Hand Blumen (häufig Lotusblüten), eine oder zwei entzündete Kerzen und drei glimmende Räucherstäbchen.

Der Wihahn (Vihara) ist eine oft recht grosse Versammlungshalle für Mönche und Laien und dient zahlreichen religiösen Zwecken (beispielsweise für Predigten). Hier werden auch eine oder mehrere Buddha-Statuen aufbewahrt. Die Architektur unterscheidet sich wenig von der des Boht. Letzterer ist aber recht häufig kleiner als der Haupt-Wihahn eines Tempels, besonders im Norden. Manchmal umgibt das Gebäude eine Galerie, in deren Nischen Buddha-Figuren stehen. Ein Tempel kann mehrere Wihahn aufweisen. Als Baumaterial dient im Norden traditionellerweise Holz. In Zentralthailand sind die Wihahn meistens aus Ziegelsteinen erbaut.

Der Begriff „Prang“ (Prahng) bezeichnet im thailändischen Tempelbau ein ursprünglich nordindisches („sikhara“ oder „Tempelturm“), später kambodschanisches Bauelement, das die Khmer während der Angkor-Periode aus dem südindischen Tempelbau übernahmen. Es handelt sich dabei immer um einen Turm, der entfernt einem Maiskolben oder einem Pinienzapfen gleicht. Das Bauwerk erhebt sich kuppelartig und in elliptischer Form über einem quadratischen Unterbau mit einer Öffnung (cella). In der Vorstellung der Khmer symbolisiert der Tempelturm (sikhara) den mythologischen Götterberg Meru, der von Geistern, göttlichen Wesen und Göttern bevölkert ist. In der thailändischen Version verschmilzt der Tempelturm mit der Cella zu einem einheitlichen Bauwerk (Prahng). Die vier Ecken des Unterbaus werden mehr und mehr zurückgesetzt und in eine Vielzahl von kleineren Ecken aufgelöst, so dass der Eindruck eines mehreckigen, fast rundlichen Grundrisses entsteht. Gewöhnlich weist der Prahng über dem gestreckten Unterbau drei Nischen mit Buddhafiguren auf. Die Nischen sind über eine steile Treppe erreichbar. Auf der Spitze des Prahng befindet sich in der Regel der Dreizack Shivas (pinaka). Der berühmteste Prahng ist der von Wat Arun (Tempel der Morgenröte) in Bangkok. Sofern königliche Gebäude von einem Prahng gekrönt werden, reflektiert sich darin der Devaraja-Kult der Khmer, wonach ein König durch „göttliche“ Erhabenheit ausgezeichnet ist. Der Prahng kann allein stehen, oder er ist von vier anderen Türmen umgeben und bildet mit ihnen einen sogenannten Quincunx, der in der Angkor-Architektur aufkam.

Der Mondop enthält eine Reliquie oder eine besondere Buddha-Skulptur, manchmal einen Fussabdruck Buddhas (Phraphutthabaht in Saraburi) oder selten eine Bibliothek. Der kubische Bau erscheint erstmals in Sukhothai und Si Sachanalai. Ab der Ayuthaya-Periode erhält der Mondop ein kunstvoll gestaltetes Dach: Viele Dachflächen sind übereinander geschichtet, ähnlich wie bei einer Pyramide, und enden in einer schmalen Spitze (vergleichbar auch mit einer Krone). Dreieckige Ornamente schmücken die Dächer. In Lanna (Nordthailand) verrät der auf den Seiten offene Mondop, mit bis zu neun übereinander geschichteten Dächern, birmanischen Einfluss. Der Begriff Mondop ist vom Sanskrit-Wort „mandapa“ (Pavillon) abgeleitet.

Der Ho Trai (Hoo Trai) beherbergt traditionellerweise die Bibliothek und hat verschiedene Bauformen. Mitunter gleicht er einem Mondop. Um Ungeziefer- (Termiten) oder Nagetierbefall (Mäuse) zu vermeiden, ist der Ho Trai gelegentlich auf Stelzen inmitten eines Teichs erbaut. Andere sind über steile Treppen erreichbar. Da der Ho Trai (vor allem früher) der Aufbewahrung von oft kostbaren Manuskripten diente, mussten Bauformen gesucht werden, die eine Beschädigung nach Möglichkeit abhielten oder verminderten. Die Texte wurden von Hand auf getrocknete Palmblätter geschrieben oder geritzt, die einzelnen Blätter zu kleinen Bündeln gebunden und mit Baumwolltuch umwickelt. Kostbar dekorierte Schränke und Truhen nahmen die Bündel auf. Die ersten gedruckten buddhistischen Bücher gab es nicht vor der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Der Ho Rakhang (Hoo Rakhang), der Glockenturm, ist niedriger als die Kirchtürme christlicher Kirchen. Er enthält eine, selten mehrere Bronze-Glocken, die mit einem Holzschlägel angeschlagen werden. Manchmal erklingt eine Glocke mittags um 12 Uhr, um die Mönche daran zu erinnern, dass sie keine feste Speise mehr zu sich nehmen dürfen, oder sie ruft die Mönche zum morgendlichen oder abendlichen Chanting. Im Umfeld des Glockenturms befindet sich die grosse Trommel, die um 11 Uhr angeschlagen wird (Essenszeit für die Mönche)

Ein Sala (Sahlah Kahn Parian) ist eine Art Pavillon in Form einer meist offenen Halle, die unterschiedlichen Zwecken dient (Predigten und Unterweisung genauso wie auch mehr weltlichen Bedürfnissen wie Essen und Trinken).

In den Kuti (Kutie) leben und studieren die Mönche. Manchmal sind sie als einzelne kleine Häuschen auf Stelzen errichtet, oder sie bestehen aus grösseren Gebäuden mit Schlafsälen, Studienräumen, Toiletten und Duschräumen.

Mit Meru (Mehn) wird im Allgemeinen das Krematorium bezeichnet, das innerhalb oder ausserhalb des Tempelgeländes steht und dessen Kamin hoch aufragt. Der Name leitet sich ab vom Berg Meru (Thai: Phra Sumeru oder Phra Mehn). Dort befindet sich das Tavatimsa-Paradies, wo der Gott Indra im Kreis von himmlischen Wesen residiert. Der Berg bildet das Zentrum des Universums und ist umgeben von andern Berggipfeln. Die Tradition, die Toten zu verbrennen, kam unter indischem Einfluss wahrscheinlich erst gegen Ende des ersten Jahrtausends nach Christus in Thailand auf.

©Josef Burri