Buddhismus in Thailand

Buddhas Lehre fand wahrscheinlich ab dem fünften Jahrhundert Eingang in das Gebiet, das heute das thailändische Königreich darstellt. Mehrere buddhistische Schulen waren hier präsent, aber durchgesetzt hat sich die „Lehre der Älteren“ (der sogenannte Theravada-Buddhismus), der auch in Myanmar, Kambodscha, Laos und Sri Lanka vorherrschend ist. Der Buddhismus gelangte ursprünglich auf Handelswegen von Südindien und Sri Lanka aus nach Thailand.

Die „alte Lehre““ (Theravada) ist die ursprünglichste Form, der Urbuddhismus, der dem historischen Buddha am nächsten steht. Sie wurde auf dem ersten Konzil kurze Zeit nach dem Tod Buddhas zusammengefasst und im damals nur mündlich überlieferten Kanon in der Pali-Sprache festgehalten. Nach dieser Lehre ist es nur wenigen vergönnt, den Weg zu gehen, den Buddha vorgezeichnet hat. Nur ein Mönch, der sein Leben ganz der Überwindung von Leid und Freude widmet, wird ins Nibbana eingehen, kaum ein Laie. Kein Erlöser, keine Gestalt hilft dem Suchenden dabei, nicht einmal Buddha selbst. Denn den Weg zur geistigen Erweckung und ins Nibbana muss jeder selber zurücklegen. Diese Form des Buddhismus, eine konsequente Selbsterlösungs-Lehre, wird deshalb auch das „kleine Fahrzeug“ (Hinayana) ins Nibbana genannt, weil nur wenige Menschen darauf Platz haben. Neben dem Theravada-Buddhismus existierten innerhalb des Hinayana auch weitere Schulen. In Thailand wie in anderen Ländern ist der Buddhismus mit traditionellen Formen der Volksfrömmigkeit, manchmal mit dem Geisterglauben vermischt.

In Thailand bekennen sich über 90 Prozent der Bevölkerung zum Buddhismus – und der Buddhismus ist auf Schritt und Tritt präsent, und zwar nicht nur in den unübersehbaren Mönchen und Tempeln. Die meisten Thai, mehr noch die Männer als die Frauen, tragen einen Anhänger aus Ton oder Metall mit einem Buddha-Bildnis um den Hals, oft in einem kostbaren Goldrahmen gefasst. Selbst in der kleinsten Hütte und schäbigsten Bar gibt es einen Hausaltar. Viele Thai vertrauen sich dem Schutz von Buddha („wai phra“) an, bevor sie sich schlafen legen, das Haus verlassen oder ihren Laden aufmachen.

Für Eltern in Thailand ist die Mönchsweihe eines ihrer Söhne der absolute Höhepunkt im Leben und trägt ihnen Verdienste ein, ohne dass sie dafür etwas tun müssen (ausser natürlich die Mönchsweihe ihres Sohnes zu unterstützen). In Thailand ist es üblich, dass junge Männer über zwanzig für kurze Zeit ins Kloster gehen, traditionellerweise drei Monate, und dabei die Grundlagen des Buddhismus kennen lernen und praktizieren. In Thailand ist das Mönchtum auf Zeit möglich, so dass die jungen Mönche ohne negative Konsequenzen den Mönchsorden wieder verlassen dürfen, wenn die Feldarbeit ruft oder das neue Semester an der Universität beginnt. Die Zahl der Mönche ist deshalb schwankend und ungesichert; sie dürfte zwischen 230’000 und 250’000 Mönchen liegen; sie verteilen sich auf rund 39’000 Tempel.
Dagegen beträgt die Zahl der Nonnen (Mäh chie) nur etwa 20’000; sie befolgen acht oder zehn Gebote und gehören nicht zur Mönchsgemeinschaft; sie verrichten Hilfsdienste im (von Männern dominierten) Tempel oder leben in eigenen Gemeinschaften ohne Mönche.
Voll ordinierte Nonnen (Mönchinnen) werden von den Mönchsbehörden in Thailand nicht anerkannt. Eine Thailänderin erhielt 1971 in Taiwan die Mönchsweihe in der Mahayana-Tradition. Ein weiterer Einbruch in die Phalanx der Männer erfolgte im Februar 2003, als erstmals eine Thailänderin als weiblicher Mönch in der Theravada-Tradition ordiniert wurde. Der Zeremonie stand eine ordinierte Nonne aus Sri Lanka vor, begleitet von Bhikkuni (weibliche Form von Bhikku) aus Sri Lanka, Taiwan und Indonesien. Rund zwei Jahre später wurden in Thailand hundert Nonnen und Novizinnen gezählt. Im November 2014 liessen sich 47 Frauen in Songkla ordinieren, acht als Mönchinnen und 39 als Novizinnen. Ab 2015 kann Dammanandha Bikkhuni, wie sich die 2003 ordinierte Nonne nennt, Äbtissin von Wat Songdham Kalayani in Nakhon Pathom, selbst in Thailand Mönchsweihen durchführen. Frauen, die für die Mönchsweihe bereit sind, müssen nicht mehr nach Sri Lanka reisen oder ausländische Mönche nach Thailand kommen lassen. Die Mönchsregeln sehen vor, dass eine ordinierte Nonne frühestens zehn Jahre nach ihrer Ordination andere Frauen lehren und ordinieren darf, genau gleich wie bei den Männern.

©Josef Burri