Buddhistische Ethik

Die ethische Basis im Buddhismus ist der achtfache Pfad. Da dessen Stufen jedoch als „praktische“ Anleitung für den Alltag relativ mühsam zu begehen sind, werden die wichtigsten ethischen Grundregeln in den fünf „Geboten“ für das „rechte Tun“ zusammengefasst:

– keinem Lebewesen schaden oder es töten;
– Nicht-Gegebenes nicht nehmen (nicht stehlen);
– die Körpersinne nicht missbrauchen (keinen Ehebruch begehen);
– von unrechter Rede absehen (nicht lügen);
– sich des Genusses berauschender Getränke und von Drogen enthalten.

Diese Verhaltensregeln sind nicht typisch buddhistisch, sondern Teil eines universellen Ethos. Da der Buddhist kein Tier töten sollte, aber trotzdem sein Fleisch essen darf, sind die Metzger in buddhistischen Ländern oft Muslime. Das Schlachten von Schweinen, die im Islam als unrein gelten, besorgen in Thailand seit Generationen Katholiken ursprünglich vietnamesischer Herkunft. Für Buddhisten gilt auch der Suizid als unethisch: Wer sich selber umbringt, verschlechtert seine karmische Existenz.

Buddha wird folgende Aussage zugeschrieben: „Wenn dich jemand schlägt, ob mit der Hand, einem Stecken oder dem Messer, halte jede Regung zurück und zügle deine Zunge.“ Das erinnert an Stellen der christlichen Bibel. Buddha lehnte auch das indische Kastensystem ab. Die zentrale ethische Botschaft im Buddhismus wie im Christentum ist die Nächstenliebe.

Unüblich für den Buddhismus sind kodifizierte Moralvorstellungen oder Beichtspiegel wie etwa im Christentum. Der einzelne Mensch ist für seine Taten selbst verantwortlich. Deshalb gibt es auch keine Beichte oder einen verzeihenden Gott. Für den Buddhisten gilt: Wer Übles tut, wird Übles ernten. Gerade in den früheren Königreichen Thailands galt das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlicher Religionen als Ideal. Eine rigide Moral und jeglicher Zwang zu ethischem Handeln sind dem Buddhismus fremd; stattdessen bemüht sich der Buddhist, wo immer er geht, um den „mittleren Weg“, also um situativ vernünftiges Handeln unter Zurücknahme des eigenen Ego. Bildlich gesprochen: Wenn die Saite der Geige zu sehr angespannt wird, reisst sie; ist sie aber zu lasch, dann entsteht kein schöner Ton.

Der Buddhismus wird im Allgemeinen als tolerante Religion oder Weltanschauung angesehen. Das Bild vom Buddhismus als einer Friedensreligion zeigt aber da und dort Risse, die nicht zu übersehen und zu überhören sind. Es ist nicht mit der buddhistischen Lehre zu vereinbaren, wenn buddhistische Mönche in Sri Lanka während des Bürgerkriegs gegen hinduistische Tamilen hetzen oder in Myanmar die Pogrome gegen muslimische Rohingya anführen und öffentlich zur Diskriminierung von Muslimen aufrufen. Es hat nichts mit Buddhismus zu tun, wenn ein Mob aus Buddhisten in Myanmar Muslime massakriert und die Häuser und Schulen von Muslimen anzündet (2012 und März 2013). Solche Schandtaten haben keine Basis im Buddhismus.

©Josef Burri