Zeremonien

Der Theravada-Buddhismus verlangt keinen Glaubensgehorsam. Jeder muss für sich selbst den richtigen Weg finden. Auch ist dem Buddhismus im ursprünglichen Sinn die Vorstellung von Schuld und Sühne, von Gnade und Vergebung durch einen gütigen Gott sowie von Riten und Opfern fremd. Wer etwas Böses tut, schadet zunächst und in erster Linie sich selbst und seinem Kamma. Daran kann weder ein Richter noch ein Priester oder ein Gott etwas ändern. Buddhistische Zeremonien, wie sie in Thailand und anderen Ländern des Theravada-Buddhismus praktiziert werden, sind deshalb keine „Messopfer“ oder „Gottesdienste“, sondern dienen in erster Linie der Erinnerung an den grossen Meister und an seine Lehre in der Gemeinschaft von Mönchen und Laien. Das Gemeinschaftserlebnis wird durch die Essenspende an die Mönche und das gemeinsame Essen der Laien unterstrichen.

Vor der wichtigsten Buddha-Statue wird ein mit Blumen reich geschmückter, mehrstufiger Altar aufgebaut. Die Blumen, häufig ungeöffnete Lotusblüten, sind Spenden von Laien. Einer von ihnen, in der Regel die hierarchisch höchstgestellte Persönlichkeit der Laien, bringt drei Räucherstäbchen zum Glimmen und steckt sie in ein mit Sand gefülltes Gefäss; dann entzündet er die Kerzen. Blumen, nach Kräutern und Gewürzen riechende Räucherstäbchen und Kerzen sollen die Sinne auf den Gehalt der buddhistischen Lehre einstimmen. Bei den meisten Zeremonien kommen drei Räucherstäbchen und zwei Kerzen zum Einsatz (bei Zeremonien zu Ehren von verstorbenen Personen ein Räucherstäbchen und eine Kerze).

Jede buddhistische Zeremonie wird durch die dreimalige Anrufungsformel, gefolgt von der dreimal ausgesprochenen, dreifachen Zufluchtsformel (Pali: Tisarana) eingeleitet:

Namo tassa bhagavato arahato samma sambuddhassa.

Ehre sei dem Herrn, dem Heiligen, dem vollkommen Erwachten.

Buddham saranam gachahmie.
Dhammam saranam gachahmie.
Sangham saranam gachahmie.
Dutiyampi…
Tatiyampi…

Ich nehme meine Zuflucht zu Buddha.
Ich nehme meine Zuflucht zur Lehre.
Ich nehme meine Zuflucht zur Mönchsgemeinschaft.
Zum zweiten Mal…
Zum dritten Mal…

Die drei – Buddha, Dhamma (Grundbestand der Lehre Buddhas), Sangha (Mönchsgemeinschaft) – werden auch als „dreifacher Edelstein“ („Triple Gem“) bezeichnet. Wer dieses „Bekenntnis“ ausspricht, gilt als Buddhist, auch wenn er seine herkömmliche Religion beibehält. Es braucht weder Taufe noch Zeremonien, um Buddhist zu werden.

Der Buddhismus kennt drei wichtige Feiertage, an denen zahlreiche Menschen in die Tempel strömen. Manche fasten an diesen Tagen, essen beispielsweise auch kein Fleisch und trinken keinen Alkohol:

Makha Bucha (Mahka Buhchah): Die buddhistische Feier findet am Tag des dritten Vollmondes statt (Ende Februar oder anfangs März). 1250 ordinierte Jünger Buddhas sollen sich an diesem Tag spontan versammelt haben, um den Worten ihres grossen Lehrers zu lauschen. Am Abend hielt er seine letzte bedeutende Predigt. Darin fasste er alle 227 Regeln (Patimokha) für den Mönchsorden zusammen. Im Prinzip soll jeder Mönch Gutes tun, schlechte Taten vermeiden und sein Denken rein halten. Der Name der Feier geht auf den Stern Mahka zurück, der in dieser Vollmondnacht besonders hell am Himmel leuchtete. Wie an anderen hohen buddhistischen Feiertagen umrunden Mönche und Gläubige den Boht dreimal im Uhrzeigersinn (wienthien), was den Lebenslauf symbolisieren soll. (Die Umrundung in der entgegengesetzten Richtung ist Bestandteil von Totenzeremonien.) Die Zahl drei symbolisiert aber auch Buddha, seine Lehre und die Mönchsgemeinschaft. Mahka Buhchah ist einer der höchsten buddhistischen Feiertage.

Wisakha Bucha (Wisahka Buhchah): An diesem Tag gedenken die Buddhisten der Geburt Buddhas, seiner vollkommenen Erweckung und seines Eingangs ins Nirwana. Es gibt keinen anderen Feiertag, der eine ähnlich herausragende Bedeutung im Buddhismus hat. Er fällt auf die Vollmondnacht des sechsten Mondmonats (Ende Mai oder anfangs Juni). Am Morgen bringen die Gläubigen Essensspenden in den Tempel. Am Abend hält ein gelehrter Mönch eine Ansprache zu diesem besonderen Tag, und anschliessend umkreisen Gläubige und Mönche den Ubohsot oder ein anderes religiöses Gebäude dreimal im Uhrzeigersinn (wienthien). In ihren Händen tragen sie Gebinde von Lotusknospen, Kerzen und Räucherstäbchen.

Asalaha Bucha (Ahsahnha Buhchah): Als Buddha zwei Monate nach seiner vollkommenen Erweckung seine erste Predigt oder Lehrrede hielt, hörten ihm gerade fünf Jünger im Hirschpark (Gazellenhain) von Sarnath in der Nähe von Benares zu. Er entfaltete darin die „Vier Edlen Wahrheiten“ über das Menschsein als Leiden, die Ursache des Leidens, die Überwindung des Leidens und den „achtfachen Pfad“, der zur Erweckung führt. Der Kern der buddhistischen Lehre ist Gegenstand dieses Feiertages. Er wird Ende Juli oder anfangs August, am Vollmondtag des achten Mondmonats, abgehalten. Auch an diesem Tag hören die Gläubigen den Predigten von gelehrten Mönchen zu und umkreisen den Ubohsot dreimal im Uhrzeigersinn mit Lotusknospen, Kerzen und Räucherstäbchen. Am Tag nach Asalaha Bucha beginnt die buddhistische Fastenzeit (Pali: vassa), die in die Regenzeit fällt (Juli bis Oktober). Dieser Tag heisst Khao-Phansah. Viele Gläubige bringen nebst anderen Geschenken Kerzen in den Tempel, damit das Licht während der Regenzeit nicht ausgeht.

©Josef Burri